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Buchbesprechung
Thailand - "Plattform" für Sextouristen

von H. & R. Pollmeier

Muss man hellhoerig werden, wenn ein Reiseunternehmen - Schwerpunkt Thailand - Michel Houellebecqs Roman "Plattform" vorstellt? - www.ctt-reisen.de - Der Apologet der Prostitution und des Sextourismus sagt in der Zeitschrift ‚Lire': "Prostitution finde ich sehr gut und ich weiss, dass ich Recht habe. Das ist doch eine gar nicht so schlecht bezahlte Arbeit. In Thailand ist es sogar ein ehrenhafter Beruf, die Thailaenderinnen sind nett zu ihren Kunden und verschaffen ihnen viel Vergnuegen."

Die Buchklappe

"Plattform" protokolliert erbarmungslos ein Leben: Tristesse, Liebesglueck und tragischen Tod.

Der Erzaehler Michel ist Beamter im Kulturministerium. Vierzig, farblos, frustriert und nach Dienstschluss einsamer Peep·Show·Erotomane und Experte im TV·Zappen. Die Urlaubspauschalreise ins Traumland Thailand verspricht diesem "ziemlich mittelmaessigen Individuum" paradiesisches Glueck und Erloesung: Sexgenuss mit Asiatinnen. Die Mitreisende Valérie, eine erfolgreiche Managerin in der Tourismusindustrie, lernt er erst nach der Rueckkehr ins lieblose Paris wirklich kennen · und mit ihr ein tiefes menschliches Glueck voller Obsessionen, und ohne Bezahlung.
Zusammen erfinden Valérie und Michel ein rettendes Programm fuer die Reisebranche, die Plattform zum Glueck: Wenn mehrere hundert Millionen alles haben, bloss kein sexuelles Glueck, und mehrere Milliarden nichts haben als ihren Koerper, dann ist das "eine Situation des idealen Tauschs".
Michel und Valérie wollen die verlorene Liebesfaehigkeit des Westens in neuartigen Ferienclubs organisieren. Aber das gemeinsame Glueck, nach dem Houellebecqs Erzaehler Michel verzweifelt sucht, wird bei einem terroristischen Anschlag in Thailand von Islamisten zerstoert."

Dieser Schnelldurchlauf erlaubt einen treffenden Einblick in den Inhalt des Buches. Aber der Leser, der sich auf Houellebecq einlaesst, sollte mehr darueber wissen, was ihn erwartet. Das ist allerdings zwiespaeltig, denn die Meinungen der Kritiker klaffen ‚bei diesem harten Brocken' weit auseinander von ueberschwenglichem Lob bis zum Verriss nach Strich und Faden.

Polemik in der Debatte
Wie in einem literarischen Schisma sind schon die Rezensions-Schlagzeilen ueber Houellebecq derb:
‚Die Leere der Vagina' Freitag 13, ‚Brutal, drastisch und vulgaer' Freitag 38, ‚Liebe ist kein Kitsch' Welt am Sonntag, ‚Letzte Ausfahrt Bangkok' taz, ‚Der grosse Jammer' Die Zeit, ‚Begeisterung fuer Moesen' literaturkritik.de, ‚Ejakulation als Ausweg' titel-magazin.de, ‚Schmusen mit dem Ruepel' Die Zeit, ‚Erniedrigte und Beleidigte' NZZ, ‚Die Zukunft gehoert dem Sextourismus' Berliner Zeitung, ‚Skandal-Roman: Der Mann als Sextourist' zdf.de,

die Pressestimmen selbst gehen noch heftiger zur Sache:

  • "Houellebecq ist ein Trueffelschwein fuer Verletzungspotenziale."

  • "Manche Schriftsteller ernaehren sich vom Unglueck, andere von der Hoffnung; Houellebecq ernaehrt sich von der Kraenkung." - Jens Jessen in der Zeit vom 07.02.2002.

  • "Einen Sextouristen als Identifikationsfigur gab es bisher nicht." - Julia Kospach & Robert Treichler in Profil vom 11.02.2002.

  • "Die sexuelle Befreiung machte die Sexualitaet zu einem freien Markt mit Unterprivilegierten, die nie zum Zug kommen, und ewig Begehrten, die am permanenten sexuellen Leistungsdruck scheitern. Quasi "oversexed and underfucked" verbringen alle ab 30 ihr Leben "in einem Zustand staendigen Mangels". Als beziehungstherapeutischen Heilsweg aus der Misere schlaegt Houellebecq in "Plattform" den Sextourismus vor. " - Julia Kospach in Profil vom 11.02.2002.

  • "Das Buch wurde - zu Recht, wie Interviews mit Houellebecq belegten - als Rechtfertigung des schmutzigen Geschaefts des Sextourismus und gar der Kinderprostitution gelesen, seine juengst wiederholten, peinlichen Ausfaelle gegen den Islam brachten den Autor gar vor Gericht."

  • - Richard Kaemmerlings in der FAZ vom 16.02.2002.

  • "Die Literaturkritik sitzt in einer solchen Situation natuerlich in der Klemme. Was soll sie eigentlich besprechen? Das Buch oder den Autor?" - Julia Encke in der SZ vom 21.02.2002.

Entscheiden wir uns zunaechst fuer das Buch!

Positive Interpretationen

Wer den Sammelband "Das Phaenomen Houellebecq" durchblaettert, dem stechen hochtrabende Literaturphrasen nur so ins Auge: "Elend der spaetliberalen Welt", "Abschaffung des Menschen" durch die Gentechnik, "Ausweitung des Klassenkampfes auf die Sexualitaet", Versagen der 68er, "Korrekturen an der Schoenen Neuen Welt". Michel Houellebecq wird als Grossliterat inthronisiert, er ist Neoliberalismus-, Hedonismus-, Globalisierungs-, Individualisierungs- usw.-Kritiker. Ein bisschen viel. Beschraenken wir uns auf ein/zwei Punkte:

Houellebecq ist ein Polemiker, der mit der Feder gegen die Welt der modernen Zivilisation zu Felde zieht. In "Plattform" hat er sich das Schlachtfeld Sex ausgesucht, speziell den Sextourismus, den "dieses Genie der Bosheit" (Jens Jessen) brandmarkt und zugleich mit kruden Einzelheiten vorfuehrt getreu seinem Leitspruch "Sei widerlich, aber sei wahr".

Nach der sexuellen Revolution ist die romantische Liebe in der modernen Gesellschaft eine Ausnahmeerfahrung, darum lenkt er primaer seinen Blick auf die 'Looser' der westlichen Welt. In "Plattform" finden wir sogar fuer diesen Autor ungewoehnlich viele glueckliche Momente. Mit Valérie erlebt der Romanheld auf einmal, was er nicht mehr fuer moeglich gehalten hat: Hingabe, Waerme, Opferbereitschaft, echte Liebe. Somit haette ‚Der Spiegel' recht: "In Wahrheit der erste Liebesroman von Michel Houellebecq." Im ‚Zeit-Gespraech' mit Susanne Steines gesteht er: "Das Leben an sich ist ein Prozess des Scheiterns, es ist ein langsamer Verfall, der mit dem Tod endet.... Sex wird man irgendwann einfach aufgeben muessen. Dann bleibt nur noch Morphium. So ist das. Leben ist Leiden."

Houellebecq verfolgt konsequent die koerperlichen Verrichtungen der Lust, das Mechanische in hoher Penetrationsfrequenz. Denn "ausser waehrend des Geschlechtsakts gibt es nur wenige Augenblicke im Leben, in denen der Koerper vor blosser Seligkeit ueberschaeumt und durch das blosse Dasein auf der Welt voller Freude ist", heisst es an einer Stelle. In den pornographischen Szenen ist alles in Ordnung, was Lustgewinn verschafft, denn die Geschlechtsorgane sind die "schwache Entschaedigung" Gottes dafuer, dass er uns "als toerichte, grausame, sterbliche Wesen" geschaffen hat.

Dirk Knipphals schreibt in der taz zu dem"metaphysischen Pornografen": "Michel und Valérie bilden im Kontext dieses Romans ein ideales Paar. Ohne weitere Ansprueche zu stellen, ohne Eifersucht, ohne Beziehungsgespraeche verschaffen sie sich freundlich und gekonnt gegenseitig Momente der Lust....Dafuer gibt es derzeit wohl keinen anderen westlichen Schriftsteller, der sich so sehr von jedem psychologisierenden Diskurs fernhaelt wie er. Bei Houellebecq - und das ist wohl die groesste Provokation - sind es allein die Koerper, die zaehlen."

Wenn nach Susanne Steines "unter der scheinbaren Sachlichkeit einer quasiwissenschaftlichen Prosa ein romantischer Zorn gegen die Kaelte der modernen Gesellschaft glueht, "folgen wir auch Georges Schlocker: "Houellebecq, der als Verwundeter andere zu verwunden trachtet, kann man als Vorlaeufer eine poetischen Gestalt Baudelaires zuschreiben, die im Gedicht "Der Selbstquaeler " von sich selbst gesteht: "ich bin das Messer und die Wunde."

Aber es gibt auch andere Aspekte.

Die negativen Gesichtspunke

"Bei Michel Houellebecq kommt das Ressentiment wieder zu seinem Recht", schreibt Mirjam Schaub im "Freitag 50" mit Hinweisen auf Nietzsche:

"In ‚Jenseits von Gut und Boese' scheint Nietzsche diesen Fall vorhergesehen zu haben: ‚Die Menschen der tiefen Traurigkeit verrathen sich, wenn sie gluecklich sind: sie haben eine Art, das Glueck zu fassen, wie als ob sie es erdruecken und ersticken moechten, aus Eifersucht, - ach, sie wissen zu gut, dass es ihnen davonlaeuft.' ‚Zur Genealogie der Moral', Nietzsches Streitschrift von 1887, enthaelt die treffendsten Saetze ueber das Korsett aus Affekten, das Houellebecqs Texte zusammenschnuert: ‚Jeder Leidende sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen Thaeter, noch bestimmter, einen fuer Leid empfaenglichen schuldigen Thaeter'. Statt Thesen findet man bei Houellebecq bloss Affekte, Attacken statt Analysen, allesamt feige Ausfluechte fuer ein zu kurz greifendes Denken. Er hat das Ressentiment und die damit einhergehende verlogene Mitleidsmoral wieder in ihr altvaeterliches Recht gesetzt, daher sein Erfolg."

So haelt Houellebecq den Sextourismus keineswegs fuer verwerflich. "Diese kleinen Thai-Nutten sind ein wahrer Segen, sagte ich mir; wirklich ein Geschenk des Himmels." Er lobt vielmehr ueberschwaenglich die Fremdenverkehrsindustrie, geschickt die Organisation der Zuhaelterei im grossen Stil anzugehen: "Auf der einen Seite hast du mehrere hundert Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, was sie sich nur wuenschen, ausser dass sie keine sexuelle Befriedigung mehr finden … Und auf der anderen Seite gibt es mehrere Milliarden Menschen, die … nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihren Koerper und ihre intakte Sexualitaet. … Das ist die ideale Tauschsituation." Der Westen hat das Geld, die ‚Dritte Welt' den Koerper. Dies ist zwischen allen Beischlaf-, Fellatio-, A-tergo- und Partnertauschszenen die zynische Kernaussage, "weil wir das Recht haben, uns zu vergnuegen."

Fuer die ‚armen' Maenner unserer neurotischen Zivilisation, die mit den emanzipierten Frauen - in seinem Buch ‚Elementarteilchen' durchgaengig nur als "Schlampen" bezeichnet - nicht mehr zurechtkommen, ist der Sextourismus - globalisiert - "die Zukunft der Welt" in einer sexuellen Marktwirtschaft, auch wenn er im Zeit-Gespraech beteuert: " Die Begierde an sich ist ekelhaft. Es ist ein kleiner Moment von Erregung, der dem Vergnuegen vorausgehen soll. Wenn man befriedigt ist, begehrt man nicht. Deshalb schaffen Werbung und Porno die Legende, dass man nie wirklich befriedigt sein koenne."

Und im aspekte-Interview: "Das ist ja schliesslich kein Roman ueber Prostitution in Thailand. Was ich beschreibe, kann jeder Durchschnittstourist in Thailand tagtaeglich beobachten. Utopien? Utopien habe ich keine. Meine Aufgabe ist es nicht, das Sexproblem des Westens zu loesen, sondern es zu beschreiben." Demnach ginge es Houellebecq um mehr als um einen reinen Sex-Roman: Er bohrt solange mit dem Finger in der Wunde, bis wir unseren geheimsten Schweinereien ins Auge sehen.

Die Sprache

Kees van de Verschredderen (!) schreibt im Literaturmagazin fuer Verisse aller Art - www.lit-ex.de/litex57.htm: "Verstuende Michel Houellebecq vom Schreiben soviel wie von Masturbation, der Nobelpreis waere ihm sicher... aber leider gehoert er zur grossen Gruppe von Autoren, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, und dem Roman schon gar nicht. "

Satire ist allerdings seine Staerke. Und so stellt Richard Kaemmerlings in der FAZ vom 16.02.2002 auch treffend fest: "Im Satirischen, vor allem bei der Beschreibung der Thailand-Rundreise im ersten Teil, liegen die Staerken von "Plattform". Die Gruppendynamik der zufaellig zusammengewuerfelten Reisegruppe beschreibt die angebotsorientierte Ökonomie des Wuenschens und Begehrens - das ist mit glaenzender Boshaftigkeit beschrieben." Er seziert Gruppenverhalten: "Gruppen, die aus mehr als zwei Personen bestehen, haben anscheinend die spontane Tendenz, sich in zwei feindliche Untergruppen aufzuteilen."

Es gibt keinen Humor, keine Ironie, keine sinnvollen Handlungsstraenge, keine Sympathietraeger, keine interessanten Fakten - der Text ist lapidar, leidenschaftslos-routiniert, spartanisch, oft vordergruendig-trivial wie eine Diktion von belanglosem ‚Talk-Show'-Geschwaetz und argumentativ auf der Ebene von ‚dirty talk' angesiedelt. Der Text lebt nur auf, wenn in den haeufigen Touristik-Porno-Einlagen - meint er gar Entruestungspornographie? - Sexuelles, repetitiv, aber anatomisch korrekt, geschildert wird. Ganz selten tauchen essayistisch gefaerbte Passagen, kaum poetische Einschuebe auf; dann ruehrt seine romantische, sozusagen schuelerhafte Naivitaet in ihrer pubertaeren Selbstgefaelligkeit an. Wenn ein Autor krampfhaft versucht, metaphysische Loecher unserer materialistischen Weltsicht, entzaubert und zur Ware degradiert, durch erzaehlerische Mittel zu kitten, entstehen solche Romanleichen ohne erhellende Bilder. Houellebecqs Sprache hat keine Bilder; wenn er dadurch ausdruecken will, das Dauerfeuer westlicher Medien habe sie zerstoert - dann allerdings kann man nicht widersprechen. So entstehten ‚Schwarzer Kitsch' und Platitueden. Aber die stilistische Armut halten einige Kritiker fuer besonders raffiniert - eine Mischung aus Hardcoreporno und Tourismuskatalog gab es halt bis dato nicht.

Thailand ist austauschbar

Über Thailand, seine Menschen, Kultur usw., erfahren wir nicht viel, thailaendische Frauen erscheinen nur als wohlfeile Prostituierte. Thailand ist - wie die Wirklichkeit insgesamt - austauschbar; das perverse Idyll des ‚Eldorador Aphrodite Club' koennte auch in Kenia, Indonesien oder auf irgendeiner Ferieninsel liegen, wohin einige Rezensenten den Handlungsort willkuerlich verlagern, ohne offensichtlich das Buch gelesen zu haben.

Wenn Houellebecqs Pauschaltouristen wie jaemmerliche Karikaturen durch Thailand taumeln, haken sie nur ab, was sie zuvor in den "Reisefuehrern gelesen haben". Auch die Wunder werden kuenstlich erzeugt. "Und vergesst nicht, irgendwo magische Augenblicke einzubauen", sagt der Touristikboss in "Plattform", bevor er sich wieder der "Berechnung von Festkosten" zuwendet. "Sprachheilpaedagogen" "bevoelkern seine Clubs, und das Einzige, worin sie sich unterscheiden, ist der Grad geheuchelter Liebe, mit dem die dunklen und hellen Koerper gemaess der "angebotsorientierten Ökonomie" fusioniert werden (Thomas Assheuer)". Nur ganz selten tauchen schwache poetische Ansaetze auf wie z. B. bei einer Khlongfahrt in Bangkok, gelegentlich auch objektive Qualitaeten wie bei den Schilderungen des Sextourismus in asiatische Laender, deutscher Urlaubermentalitaet oder den allgemeinen Lebensluegen des "modernen" Mitteleuropaeers. Durchweg mangelt es aber an Naturbeschreibungen, an Metaphern oder packenden Vergleichen; der Autor neigt zu langweiligen Exkursen, sei es eine kurze Geschichte Thailands oder ein trockener Bericht aus der Tourismusbranche. Das bringen anspruchsvolle Reisefuehrer phantasievoller.

"Plattform" ist ein Kolportageroman, meint Dirk Knipphals in der taz: "Das Buch laesst sich aber in gewisser Weise auch als Roman eines Spielverderbers lesen, so als wolle Houellebecq die Hoehe der Debatten ueber ihn bewusst unterlaufen..... Zumindest schlagen alle Versuche fehl, "Plattform" mit dem Ansatz einen kritischen Gehalt zu unterstellen, hier werde dem Sextourismus ein Spiegel vorgehalten. Dafuer ist Houellebecq viel zu wenig an der realen Situation in Thailand (und uebrigens auch in Kuba) interessiert. Was ihn fasziniert haben muss, das ist allein die Idee, dass es hier guten Sex zu kaufen gibt.

Das Versagen der Medien

Houellebecq selbst beherrscht die Regeln des Wettbewerbs auf dem Buchmarkt ganz virtuos, denn er hat ausgesprochenes Talent, mit provozierenden Erklaerungen die Medien auf Trab zu bringen; er wirft sozusagen das Hoelzl, und die Meute apportiert - schwanzwedelnd. Darueber hinaus fanden sich deutsche Gefaelligkeitsrezensenten, die die Stammeleien eines mit sich selbst unzufriedenen Beamten beflissen abgefeiert und seine "Radikalitaet" in den literarischen Olymp gefaselt haben, ein Pawlowscher Reflex, der sie beim gleichzeitigen Auftreten einiger versauter Vokabeln in Verbindung mit "Mutter" und "Tod" zum Textbaustein "Meisterwerk" greifen liess.

Die franzoesischen Feministinnen und renommierten Autorinnen reagierten ambivalent, teils resigniert, teils wohlwollend. Isabelle Germain, Vorsitzende des Verbands unabhaengiger Journalistinnen, sagte: "Die franzoesische Presse ist von Phallokraten beherrscht. Warum sollten Maenner, von denen die meisten selbst die Dienstleistung von Prostituierten in Anspruch nehmen, gegen die Prostitution ins Feld ziehen? Durch einen Autor wie Michel Houellebecq fuehlen sie sich nur gerechtfertigt und jubeln ihn zum Medienstar hoch. Er spricht dem Durchschnittsbuerger der Mittelklasse nach dem Mund. Und in dieser Beziehung reagieren eben auch die Redakteure als Durchschnittsbuerger."

Allein Claire Brisset,"Défenseure des enfants", Kinderschutzbeauftragte in der franzoesischen Regierung und ehemalige Sprecherin des franzoesischen UNICEF-Komitees, bezog in einem Freitag-Gespraech eine klare Position:

"Es ist eine groteske Situation. Der Autor wird geradezu hochgejubelt. Die Medienmacher ueben eine Art intellektuellen Terrorismus aus, statt ehrliche Kritik zu ueben....Sein Frauenbild ist absolut degradierend, und sein Blick auf die Drittweltlaender ist zynisch....In Thailand sind die meisten Prostituierten minderjaehrig. Sie werden von ihren Eltern an Maffiabanden verkauft oder einfach entfuehrt. Sie werden gefangen gehalten und geschlagen, wenn sie aus ihrem Gefaengnis ausbrechen wollen. Sobald sie vom AIDS-Virus infiziert sind, schickt man sie in ihr Heimatdorf zurueck. Dort werden sie wie Aussaetzige behandelt und von ihren eigenen Eltern verstossen. Die meisten sterben, bevor sie ueberhaupt erwachsen werden..... In Thailand werden die meisten Maedchen ueberhaupt nicht bezahlt. Es ist skandaloes, Prostitution als Arbeit zu bezeichnen. Letzten Endes wird da nichts produziert. In meinen Augen handelt es sich um Ausbeutung, Menschenhandel und Versklavung. Schliesslich sind die meisten der Prostituierten von einem Zuhaelter oder einer Organisation abhaengig. Seine Aussagen haben schon etwas Perverses. Wenn er sagt: "Meine sexuellen Gelueste haben nichts Schockierendes", das heisst doch nichts anderes, als dass alle Welt sich seinem Verlangen unterzuordnen hat. Und wenn er sich als Schriftsteller bezeichnet, der "die Leiden des Mittelstands" ausdrueckt, grenzt das wohl an eine gewisse Selbstueberschaetzung."

Dazu muss man wissen: Fuer Houellebecqs "Guten Job" werden nach Schaetzungen der UNICEF weltweit jedes Jahr ca. 2 Millionen Maedchen und Buben unter 18 Jahren in Aktivitaeten der Sexindustrie, sei es Pornographie, Prostitution oder Kinderhandel gezwungen.

Am Ende des Romans legt Houellebecq allerdings die Karten auf den Tisch und stellt sich seinen Zweifeln und seiner Zerrissenheit - ausgerechnet in Pattaya, der Stadt, die nach seinen Worten "gleichsam ein Sammelbecken ist fuer den Abschaum, eine Kloake, in dem die unterschiedlichsten Rueckstaende der westlichen Neurose angeschwemmt werden. "Welche Konsequenzen dies fuer sein Leben hat, bleibt offen.

Auf seinen Rassismus, seine antireligioesen Ausfaelle gegenueber dem Islam usw. gehen wir nicht ein; in Sachen Paedophilie nimmt er sich in Acht, obwohl er in einem Zeit-Gespraech aeussert: "Ich kann alles sagen, ich bin in Mode. Es gibt allerdings Dinge, die wuerde ich nie sagen. Es wird immer noch ein Rest Intimitaet verbleiben. Man muss keine Angst haben, auch ueber intime Dinge zu reden. Denn es wird immer noch etwas uebrig bleiben, das man gestehen koennte."

Das laesst noch einiges erwarten - Houellebecq als Allround-Kuenstler! Das waere perfekt ausgekluegelte Profitie.

Michel Houellebecq
Plattform. Roman.

Übersetzt aus dem Franzoesischen von Ulrich Wittmann.
DuMont Buchverlag, Koeln 2002.
338 Seiten, 24,00 EUR.

ISBN 3832156305

Auf Deutsch sind 1999 die Romane Ausweitung der Kampfzone und bei DuMont Elementarteilchen erschienen. Zuletzt veroeffentlichte DuMont die Essays Die Welt als Supermarkt. Interventionen (1999), die Gedichtbaende Suche nach Glueck (2000), Der Sinn des Kampfes (2001) und Wiedergeburt (2001) sowie die Erzaehlung Lanzarote (2000). Der von Thomas Steinfeld herausgegebene Band Das Phaenomen Houellebecq (2001) beleuchtet die Diskussionen, die Houellebecqs Werk weltweit ausgeloest hat.

Biographie
Michel Houellebecq wurde am 26.02.1958 auf La Réunion geboren . Sein Vater ist Bergfuehrer, seine Mutter Anaesthesistin. Mit sechs Jahren wird er seiner Grossmutter anvertraut, deren Namen er als Pseudonym angenommen hat. 1980 erhaelt er ein Diplom als Landwirtschaftsingenieur. Er heiratet, ist arbeitslos, wird geschieden. Wegen Depressionen verbringt er laengere Zeit in psychiatrischen Kliniken.

1992 wird er Sekretaer in der Verwaltung der Assemblée Nationale. Sein erster Gedichtband La Poursuite du bonheur erscheint, fuer den er den Tristan Tzara Preis erhaelt.1994 wird sein erster Roman Ausweitung der Kampfzone herausgegeben. Ausserdem arbeitet Houellebecq fuer mehrere Zeitschriften wie L' Atelier du Roman, Perpendiculaires, Les Inrockuptibles.

1996 erhaelt er fuer seinen zweiten Gedichtband Le sens du combat den Prix de Flore. 1998 erscheint sein zweiter Roman Elementarteilchen, der in 25 Sprachen uebersetzt wird, gleichzeitig "Interventions", eine Sammlung von Kritiken und Chroniken. Er erhaelt den Grand Prix national des Lettres Jeunes Talents. Auf einer CD rezitiert Houellebecq seine Gedichte, die von Bertrand Burgalat und Jean-Claude Vannier musikalisch untermalt werden.

Heute lebt Michel Houellebecq in Irland in der Naehe von Dublin, ist zum zweiten Mal verheiratet, hat einen Hund und ist Kettenraucher.

Weitere Quellen & Hinweise:
www.single-generation.de
www.single-dasein.de/kohorten/michel_houellebecq.htm
www.single-generation.de/kohorten/michel_houellebecq_plattform.htm
www.france.diplomatie.fr
www.zeit.de
www.kozmopolit.com
www.google.de

 
Autor: Die Redaktion!   Letzte Bearbeitung am 26. May 2003 
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